„Ich will den Frieden noch erleben“

Frauen Nachrichten —

30, November. 2020 Montag - 15:23

  • Die 75-jährige Sabiha Keser hat durch ihren Sohn Mehmet Keser, der 1989 der PKK beigetreten war, den kurdischen Freiheitskampf kennengelernt. Sie streitet bis heute mit aller Kraft für Frieden und Demokratie.

Die „Friedensmutter" Sabiha Keser stammt aus dem nordkurdischen Dorf Arîşkus (türk. Kavuştuk) in der Provinz Bedlîs (Bitlis) und hat sechs Kinder. 1989 schloss sich ihr Sohn Mehmet Keser der PKK an. Er hinterließ eine Ehefrau und zwei Kinder. Die Familie wurde in den folgenden drei Jahren vom Militär terrorisiert. Sie musste ihr Heimatdorf verlassen und nach Erdîş (Erçiş) in der nordkurdischen Provinz Wan ziehen. Mehmet Keser ist 1992 in einem Gefecht in Agirî (Ağrı) gefallen. Die 75-jährige Sabiha Keser kämpft nun seit dreißig Jahren ununterbrochen für Frieden und Demokratie.

Mit 16 wurde ich verheiratet“

Sabiha Keser ist Mitglied des Rats der Friedensmütter. Sie erzählt, wie ihr Vater in jungen Jahren starb und die Mutter einen weiteren Mann heiraten musste: „Unsere Mutter nahm uns mit zu der Person, die sie geheiratet hat. Dort bin ich aufgewachsen. Mein Onkel wollte mich mit seinem Sohn zusammen bringen. Mit 16 musste ich ihn dann heiraten. Im Alter von 20 Jahren wurde ich Mutter. Ich brachte fünf Jungen und zwei Mädchen zur Welt.“

Obwohl er zwei Kinder hatte, ging er in die Berge“

Wenn Sabiha Keser an ihre Kinder denkt, dann erinnert sie insbesondere an ihren ältesten Sohn. Sie rekapituliert: „Mein Sohn studierte Jura an der Universität und bestand auch die Abschlussprüfungen. Aber er erhielt keine Zulassung. Er ging nach Ankara und traf sich mit Arbeitern, die ihrer Rechte beraubt wurden. Er führte mit ihnen Demonstrationen durch und war von ihrer Lage tief beeindruckt. Er sah den Staat als eine Institution, die unterdrückt, die Menschen ihrer Rechte beraubt und insbesondere die Kurden drangsaliert. Er fragte immer wieder: ‚Die Kurden werden unterdrückt, wie lange soll das noch so weiter gehen?‘ Eines Tages sah ich meinen Sohn auf dem Bauch liegen und weinen. Als ich ihn fragte, warum er weine, sagte er, Mazlum Doğan sei gestorben und er deshalb weine. Das habe ich damals nicht verstanden. Später heiratete mein Sohn. Er hatte zwei Söhne und brach dennoch auf und ging in die Berge.“

Die Soldaten kamen ständig zu uns nach Hause“

Die „Friedensmutter" fährt fort: „Es vergingen zwei Jahre, nachdem mein Sohn aufgebrochen war. Die Soldaten kamen zu dieser Zeit immer wieder in unser Haus. Sie fragten mich ständig, wo Mehmet Keser sei. Wir sagten, er sei nach Istanbul zum Arbeiten gegangen und wir hätten nichts mehr weiter von ihm gehört. Das glaubten sie uns nicht. Der Kommandant packte meinen Mann bei den Schultern und sagte: ‚Du bist sein Vater, was denkst du denn?‘ Mein Mann wiederholte, was ich gesagt hatte. Der Kommandant sagte: ‚Wir haben gehört, er ist nicht nach Istanbul gegangen, sondern dass er in den Bergen kämpft!‘ Von da an kamen sie ständig zu uns und durchsuchten unsere Wohnung. Das ging zwei oder drei Jahre so weiter. Damit uns die Soldaten in Ruhe lassen, sind wir dann nach Erdîş gezogen. Mein Mann trat als Dorfvorsteher zurück. Obwohl wir umgezogen waren, schikanierte uns das Militär etwa ein Jahr weiter. Später erhielten wir die Nachricht, dass unser Sohn getötet worden war.“

Durch unseren Sohn haben wir den kurdischen Kampf kennengelernt“

Die Soldaten hätten sie erst nach dem Tod ihres Sohnes in Ruhe gelassen, berichtet Sabiha Keser: „Durch unseren Sohn haben wir erst begriffen, dass wir Kurden sind. Wir konnten so die Unterdrückung besser sehen und verstehen. Vor dem Beginn des Freiheitskampfs wurden die Frauen viel mehr unterdrückt. Später öffneten die Menschen die Augen und ihre Sicht auf Frauen veränderte sich. Alle begannen zu kämpfen. Früher konnten die Menschen aus Angst vor der Armee nicht einmal auf den Markt gehen. Jetzt gehen die Menschen sogar in die Büros des Regimes, ohne sich zu sorgen.“

Ich will den Frieden erleben“

Sabiha Keser appelliert insbesondere an die Friedensmütter, aber auch an alle anderen Mütter, ihren Kampf fortzusetzen: „Mein einziger Wunsch ist Frieden. Ich will das nicht nur für meinen Sohn, sondern für alle anderen Söhne und Töchter ebenfalls. Die Unterdrückung muss aufhören. Ich bin alt und wenn ich sterbe, wird dies alles in mir bleiben. Ich will den Frieden noch erleben.“

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